Ende Januar sorgt das Halbjahreszeugnis bei vielen Familien für unerwartete Überraschungen. Wie können Eltern ihre Kinder motivieren, wenn sich deren schulische Entwicklung verschlechtert hat?
Grundsätzlich hat das Halbjahreszeugnis eine zentrale Funktion: Es informiert über den aktuellen Leistungsstand des Schulkindes und macht auf dessen Stärken und Schwächen bzgl. der schulischen Leistungen aufmerksam. Wichtig dabei ist, dass das Urteil, ob eine Note “gut” oder “schlecht” ist, sehr subjektiv empfunden wird. Auch spiegelt das Zeugnis eher den Notenstand und nicht die Entwicklung oder die Leistungsbereitschaft des Kindes/Jugendlichen wider. Das Zeugnis gibt Ihnen als Eltern eine Orientierung und sollte als Instrument genutzt werden, um Ihr Kind im Bedarfsfall gezielt zu unterstützen. Das Halbjahreszeugnis ist eine konstruktive Zwischenbilanz – nicht mehr und nicht weniger.
Lerncoach Hanna Hardeland: „Wichtig ist, das Kind im Falle schlechter Noten nicht als Versager zu behandeln, sondern vielmehr dessen Selbstbewusstsein zu stärken. Wenn sich schulische Leistungen drastisch verschlechtern, ist der erste Schritt zunächst ein offenes, interessiertes und vor allem zugewandtes Gespräch mit dem Kind selbst.“
Hanna Hardeland gibt 10 Tipps für Eltern bei schlechten Halbjahreszeugnissen. Die ersten vier Tipps gelten für das Verhalten am Zeugnistag selbst bzw. für die erste Woche nach der Zeugnisvergabe. Die nächsten sechs Tipps sollten können Ihnen helfen, wenn es um Unterstützungsmaßnahmen für das neue Schulhalbjahr geht:
Tipps für das Verhalten am Zeugnistag selbst bzw. für die ersten Tage/die erste Woche nach der Zeugnisvergabe:
- Regulieren Sie Ihre Emotionen! Anstelle eines zügellosen Wutausbruchs oder gar enttäuschter Tränen sollten Sie möglichst neutral auf ein schlechtes Zeugnis reagieren. Ihr Kind hat schon selbst genug mit den schlechten Noten zu kämpfen; es braucht nicht noch die langen Gesichter von enttäuschten Eltern. Damit sind viele Kinder emotional überfordert oder fühlen sich gar schuldig.
- Behandeln Sie Ihr Kind nicht als Versager! Es braucht jetzt Ihre Unterstützung und das gute Gefühl, dass Sie hinter ihm stehen!
- Vermeiden Sie den Vergleich mit sich selbst! Häufig hören Kindern von Ihren Eltern: „Das war bei mir ganz anders“ oder „Als ich Schüler war, da hätte ich mich geschämt, mit solchen Noten nach Hause zu kommen“. Bleiben Sie ausschließlich im Hier und Jetzt und bei Ihrem Kind – es braucht jetzt Ihre Zuwendung und nicht alte Storys.
- Das schlechte Zeugnis ist keinesfalls ein Druckmittel! Ihr Kind braucht jetzt Sicherheit und Rückendeckung. Bestrafende Maßnahmen wie Fernseh-, Computerverbot oder die Pflicht, mehrere Stunden täglich zu lernen, erzeugen meist eher Widerstand und provozieren Heimlichkeiten.
Tipps für das neue Schuljahr. So sollten Sie auf das Zeugnis reagieren, wenn sich die ersten Wogen geglättet haben (frühestens nach einer Woche) und das neue Schulhalbjahr beginnt:
- Reagieren Sie lösungsfokussiert und nicht nachtragend!Wenn sich Eltern tage- oder gar wochenlang über das schlechte Zeugnis ihres Kindes ärgern, wird ihr Kind dauerhaft ein schlechtes Gewissen haben und immer wieder an das eigene Versagen erinnert. Stattdessen sollten Sie gemeinsam zuversichtlich nach vorn schauen.
- Stärken Sie das Selbstbewusstsein Ihres Kindes – decken Sie dessen Ressourcen und Fähigkeiten auf! Was kann Ihr Kind gut (auch außerhalb der Schule)? Welche positiven Eigenschaften zeichnen Ihr Kind aus? Wofür kann sich Ihr Kind begeistern?
- Finden Sie heraus, welche Unterstützung Ihr Kind sich wünscht! Fragen Sie Ihr Kind, wie zufrieden es mit den Leistungen ist, anstatt auf das Kind einzureden und es zu Eingeständnissen zu zwingen oder zu Schnellschussmaßnahmen wie geregelten Hausaufgaben- und Lernzeiten bekehren zu wollen. Suchen Sie gemeinsam mit ihrem Kind nach Möglichkeiten zur Verbesserung des Wohlbefindens Ihres Kindes. Meist verbessern sich die Noten dann sogar automatisch.
- Sprechen Sie mit der Lehrkraft und Ihrem Kind gemeinsam!Finden Sie heraus, wo(für) Unterstützung und Förderung notwendig sind: Ist ein professionelles Lerncoaching angebracht? Warum sind einige Noten schlecht? Wie sehen die Leistungen konkret aus (mündlich, schriftlich)?
- Analysieren Sie die lernbeeinflussenden Faktoren wie Konzentration, Lernstoff/-thema, Lernraum, Lernzeit, Über-/Unterforderung, Prüfungsangst, Mitschüler, Probleme mit Lehrenden, Freunden oder der Familie, Entwicklungsphasen (Pubertät)? (Dazu können Sie die Karten “Mein Lernen und ich” nutzen, siehe http://www.hanna-hardeland.de/shop/mein-lernen-und-ich/).
- Setzen Sie kleine Etappenziele! Erstellen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind und ggf. mit Hilfe der Anregungen des Lehrers einen Lernplan (Download dazu unter http://www.hanna-hardeland.de/downloads/).
Hanna Hardeland hat sich als Coach, Lerncoach und Karriereberaterin auf Lerncoaching spezialisiert. Die studierte Lehrerin aus Hamburg hat im Rahmen ihrer selbst entwickelten systematischen Fortbildung schon über 500 Lerncoaches deutschlandweit ausgebildet. Ihr Buch „Lerncoaching und Lernberatung“, 2013 im Schneider Verlag erschienen, gilt in Fachkreisen als Basisliteratur.
Bei pädagogischem Fachpersonal und Eltern ist sie als Lern-Expertin deutschlandweit sowie in der Schweiz geschätzt.