Gönnt euren Kindern erholsame Ferien!

Mehrmals täglich klingelt bei mir das Telefon im Institut, weil sich Eltern für Lerncoaching interessieren. Die meisten wünschen sich einen Lerncoaching-Termin für ihr Kind, damit es (wieder) erfolgreich und gern lernt. Und das bitte gleich in den Ferien, schließlich hat der Nachwuchs dann ja endlich mal Zeit.

Die große Lerncoaching-Nachfrage finde ich grundsätzlich erfreulich, da ich den Nutzen von Lerncoaching als sehr hoch einschätze (vgl. Hardeland 2013, 20-27; vgl. Hameyer/Hardeland 2011). Und dennoch sträubt sich mir der Magen, wenn Eltern ihre Kinder in den Ferien zum Lerncoaching oder gar zur Nachhilfe schicken möchten. Nun sollen sich Letztere auch noch in den Ferien auf das kommende Schuljahr vorbereiten oder sogar die Inhalte des letzten Schuljahres wiederholen bzw. aufholen?! Als Eltern funkeln uns die Angebote im Nachhilfe- und Förderungsbereich nur so an: Summerschool, Ferienkurse, Ferien-Lerntrainings oder Lerncamps. Dabei wird uns suggeriert, dass ein solches Lernen in den Ferien Spaß machen kann. Ich finde es schlicht grausam!

Meine Abneigung gegen solche Angebote spüren die Eltern daher meist gleich in den ersten Sätzen unseres Telefonats. Sie wirken dann verwirrt, verwundert und möchten mich davon überzeugen, warum gerade für ihr Kind ein Lerncoaching in den Ferien besonders geeignet scheint. Wenn es schon uns Erwachsenen häufig nicht gelingt, im Urlaub abzuschalten, weil wir das Gefühl haben, dauerhaft präsent sein zu müssen, indem wir nur „noch mal kurz“ die Mails checken etc. – dann sollten wir wenigstens unseren Kindern unbeschwerte Freizeit, ohne Leistungs- und Zeitdruck, gönnen!

 

Liebe Eltern, ich verstehe, dass ihr euch Sorgen um die schulischen Leistungen und die Zukunft eurer Kinder macht. Als Lernexpertin möchte ich euch dafür sensibilisieren, dass Ferien wertvolle Zeit bieten, um abzuschalten, sich zu besinnen, die gemeinsame Freizeit zu genießen, einmal Alltag ohne Schule zu erleben. Es ist Zeit zum Durchatmen. Kinder wünschen und schätzen gemeinsame freie Zeit mit ihren Eltern. Lernen bedeutet nicht zwingend, dass wir ehrgeizig Schulbücher studieren, Lernstoff büffeln oder uns mit Karteikarten herumschlagen. Wir lernen jeden Tag etwas, meist unbewusst. Auch in der Freizeit, am Strand oder im Schwimmbad. Auch unsere Kinder lernen dort! Schließlich kennt unser Gehirn keine Ferien.

Lerncoaching lebt von der Reflexion, dem Ausprobieren, dem Mutmachen und dem Experimentieren mit neuen Lerntechniken und Strategien. Wenn die Schule nach den Ferien beginnt, können die Schüler im Lerncoaching neue Arbeitsstrategien konstruieren und mit frischem Wind ins neue Schuljahr starten. Aber in den Ferien empfehle ich: Nehmt Druck vom Segel und plätschert einfach mal dahin.

Literatur

Hameyer, U.; Hardeland, H. (2011): Wissen, Wollen, Können. Lerncoaching als Kompetenzförderung. In: Schulverwaltung spezial 1/2011. S. 11-13.

Hardeland, H. (2013): Lerncoaching und Lernberatung. Lernende in ihrem Lernprozess wirksam begleiten und unterstützen. Ein Buch zur (Weiter-)Entwicklung der theoretischen und praktischen (Lern-)Coachingkompetenz. Hohengehren: Schneider.

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